Ihr Kulmbacher
 

1. Platz
Antonia Schmidt, 15 Jahre; Schülerin
am Markgraf-Georg-Friedrich Gymnasium Kulmbach

 

 


Abschied, Neuenmarkt, 04. August 1914

Meta

Die kleine Gerda zappelte und schrie auf meinem Arm und ich fragte mich, was sie wohl nervöser machte: die riesige Dampflok unmittelbar vor uns, die vielen grölenden Männer, die sich aus deren Fenster beugten, oder die Tatsache, dass ihr Vater einer dieser Männer war. Er sah unglaublich stolz aus in seiner Uniform – gut, sie stand ihm wirklich – und er jubelte mir und unserer kleinen Tochter zu. Ich konnte nicht mitjubeln, denn einerseits ärgerte es mich ein bisschen, dass ihm der Abschied von mir so überhaupt nicht schwerfiel, aber andererseits – und das war der Hauptgrund – wurde mir jetzt schon ganz bange, wenn ich nur daran dachte, was ihm alles zustoßen könnte. „Fritz!“, rief ich ihm zu, „Pass bloß auf dich auf!“ „Denkst du etwa, ich lasse zu, dass einer dieser Franzosen mir etwas antut?“, rief er zurück und lachte dabei. Es irritierte mich, direkt neben seinem Kopf Sprüche wie Auf zum Freischießen nach Paris! und Auf in den Kampf – mir juckt die Säbelspitze! zu lesen. Die ganze Lok hatten sie damit beschmiert. Ich konnte es nicht fassen. Das war doch kein Kinderspiel oder ein Dummejungenstreich, es ging in den Krieg, Herrgott nochmal! Wie konnte man so etwas nur so auf die leichte Schulter nehmen? Ich hatte mich mit Fritz schon so oft darüber gestritten, doch es hatte keinen Zweck. Er verstand einfach nicht, dass töten, rauben, brandschatzen und abschlachten nichts mit Heldentum zu tun hatte. Stattdessen regte er sich auf, dass ich ihm im Gegensatz zu den anderen Frauen kein Blümchen an die Uniform gesteckt hatte. Manchmal kam ich mir so vor, als wäre ich der einzige Mensch, dem auffiel, dass ein Krieg nur Tod, Elend und unverzeihliche Gräueltaten mit sich brachte. Ich wollte nicht, dass mein Fritz, mein lieber Fritz, Menschen erschoss, in die Luft sprengte oder ihre Häuser ansteckte, und noch weniger wollte ich, dass ihm etwas Ähnliches passierte. Was hatten uns die Franzosen denn getan? Was kümmert es uns, wenn irgendein Serbe einen österreichischen Thronfolger erschießt? Ich blickte wieder hinauf zu Fritz, der immer noch aus dem Fenster der Eisenbahn hing und johlte. Eine Flasche Bier ging unter den Soldaten rum – er trank einen besonders großen Schluck. Nie im Leben hätte ich mich freiwillig zur Armee gemeldet, und genauso wenig hätte ich mich in so eine Lok gesetzt. Das riesige, pechschwarze Gefährt war mir nicht ganz geheuer, wie es dampfte und schrillte, obwohl Neuenmarkt jetzt schon so lange eine Eisenbahnverbindung mit einem richtigen Bahnhof hatte. Mit Tränen in den Augen stellte ich mich auf die Zehenspitzen, um ihm durch das Dampflokfenster einen letzten langen Abschiedskuss zu geben. Er wirkte so siegessicher… doch was, wenn das der letzte Kuss in diesem Leben war, den er mir gab?

Fritz

Kameraden neben mir johlten noch lauter, als ich Meta zum Abschied küsste, und ich musste grinsen. So hatte ich mir das vorgestellt. Wir, die heldenhaften Soldaten, die für ihr Vaterland und für ihren Kaiser kämpften, in ihren Uniformen, von allen umjubelt. Was würde das erst für einen Empfang geben, wenn wir als Sieger wieder zurückkehrten! Dann würde sogar Meta einsehen, dass sich unsere Mühen gelohnt haben werden. Es schien, als ob sie mir den ganzen Stolz und das ganze Abenteuer verderben wollte, doch ich wollte mich davon nicht einschüchtern lassen. Dieser Krieg war Deutschlands Aufstieg, er würde uns groß machen, und ich freute mich, dass ich dazu beitragen konnte. Was für eine Ehre für mich! Stolz rückte ich meine Pickelhaube zurecht. Wir brauchten sie noch gar nicht zu tragen, aber ich konnte sie einfach nicht absetzen. Schon bald würden die Völker Europas und der ganzen Welt vor uns und unseren Pickelhauben schlottern, sie würden erzittern vor dem Dröhnen der Schüsse unserer dicken Bertha! Es war ja nicht so, dass wir um jeden Preis in den Krieg ziehen wollten, aber dieser Krieg musste einfach sein, davon war ich überzeugt. Eigentlich war ich fast ein wenig enttäuscht, dass ich nur gegen die Franzosen mitziehen durfte, denn dass wir die sofort plattmachen würden, war ja schon klar. Einer der Kameraden stimmte das Deutschlandlied an. Ich liebte dieses Lied genauso wie Meta und wie mein Vaterland, denn es gab einem Kraft und Zuversicht und es sagte so viel Wahres aus… Um das den anderen zu zeigen, sang ich sofort mit: „Deutschland, Deutschland, über alles, über alles in der Welt!...“ Ein schrilles Pfeifen unterbrach unseren feierlichen Gesang. Die Lok setzte sich langsam in Bewegung und das Jubeln meiner Kameraden wurde lauter. Faszinierend, dass wir mit diesem neumodischen Fahrzeug innerhalb weniger Tage bis nach Frankreich fahren konnten! Ich jubelte mit und winkte Meta und Gerda. Meta winkte zurück, aber ich sah, dass sie weinte. Dieser Anblick ließ meine Stimmung jäh kippen und mir kam der Gedanke, dass ich die beiden im Stich ließ. Was war, wenn ihnen etwas zustieß? Oder mir – und meine Frau dann ohne Mann und meine Tochter ohne Vater leben musste? Schnell verdrängte ich diesen Gedanken und die Angst, die mit ihm in mir hochkroch, wieder. Ich durfte mir solche Gedanken nicht erlauben, sonst würde ich nicht kämpfen können. Außerdem würde ich schon nicht fallen. Schließlich war ich ein tapferer deutscher Soldat, ein Held! Während ich das dachte, stellte ich mich unwillkürlich aufrechter hin, straffte meine Brust, und sah durch das Fenster zu, wie ich dem Abenteuer meines Lebens entgegenfuhr, fort aus dem kleinen Neuenmarkt mit der Eisenbahn in die große weite Welt.

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