Ihr Kulmbacher
 

Lieselotte Bieley

„Rapunzel, lass Dein Haar herunter.“

Der Wunsch auf meine alten Tage ein neues Leben zu beginnen und die Liebe zu historischen Gebäuden hat mich 2015 aus Landshut auswandern lassen. Mein Asylantrag im Landkreis Kulmbach wurde positiv beschieden. Ausgehend von meinem „100-jährigem Schlösschen“ mitten im Frankenwald bemühe ich mich um meine erfolgreiche Integration. Die bescheidene und beschauliche Lebensweise des indigenen fränkischen Völkchens, welche sich drastisch vom hektischen Süden unterscheidet, hat mich endschleunigen lassen. Beruflich locke ich mit meiner Leidenschaft für Immobilien Menschen in diese Region, welche sich ebenfalls nach stressigem Arbeitsleben einen schönen Lebensabend wünschen; privat nütze ich meine kostbare Zeit für all die Dinge, die das Leben wertvoll machen: liebe Menschen, Tiere, wunderschöne Natur,  Lesen und Schreiben.  

Artensterben

Und wieder stirbt eine Spezis
Wen wundert es eigentlich noch?
Täglich sterben bis zu 380 Lebensformen – jetzt erwischt es auch ihn.
Was ist schon Einer von den 380?
Warum rede ich überhaupt über ihn?
Weil er nie jemanden etwas zuleide getan hat?
Weil er immer still in einer Ecke saß und niemand belästigte?
Klar hat er viel gefressen.
Er hat alles in sich hineingefressen, was er finden konnte und was ihn interessierte.
Obwohl es ihn erfüllt hat, hat es ihn eigentlich nie satt gemacht.
Klar wollte er immer mehr und mehr und nie damit aufhören.
Außer den Bäumen hat das ja niemand geschadet.
Aber das war halt sein Leben.
Immer hungrig - nie laut!
Und trotzdem ist es jetzt auch mit ihm vorbei.
Die Zeit hat sich verändert und mit ihr die Lebensbedingungen der Menschen.
Von Menschen, die glauben mit Technik und Plastik die Welt zu verbessern.
Von Menschen, die abhängig wurden von Handys, Fernseher und Computer.

Von Menschen, die visuelle Informationen in sich aufsaugen und dabei ihre Phantasie abstumpfen lassen.
Von Menschen, die sich dadurch noch mehr isolieren als er es je gemacht hatte.
Von Menschen, die nie das Gefühl spüren werden, wie es sich anfühlt seine Nahrung in den Händen zu halten.
Von Menschen, die nie diese Befriedigung, diese Ruhe, diese Spannung, diese Erotik, diese Erwartung,  die ihn vor dem ersten Zugreifen erbeben lässt, kennenlernen werden.
Ganz zu schweigen von der Erfüllung danach.
Egal, ob das Futter leicht, schwermütig oder dramatisch war.
Nein, diese Menschen werden ihn nie verstehen.
Viele haben über ihn gelacht.
Aber er war auch sehr vielen komplett egal.
Trotzdem geht es jetzt mit ihm zu Ende.
Es geht zu Ende, weil unzählige Firmen, welche sein Futter hergestellt hatten, bereits Insolvenz anmelden mussten.
Angeblich, weil die Nachfrage hierfür gesunken ist.
Ein paar Wenige versuchen zu retten, was zu retten ist, aber sein Futter entschwindet in die Wertlosigkeit.
Es ist kein Geld mehr damit zu verdienen.
Als ob Geld alles wäre!
Vielleicht erkennen die Menschen irgendwann, was sie mit dieser Nahrung verloren haben.
Irgendwann, spätestens, wenn alle Bodenschätze geplündert sind und man sich auf die alten Werte besinnen muss, weil nichts mehr funktioniert.
Ja, dann wird sein Futter wieder gefragt sein.
Dann wird auch er wieder gefragt sein.
Er wird gebraucht wie nie zuvor.
Dann steigt er wie Phönix aus der Asche.
Er, der Bücherwurm!

21.5.2019 Lilo Bieley