Ihr Kulmbacher
 

Wertvorstellungen
(Eine wahre Geschichte zum Nachdenken)

Heute, in Zeiten der Coronakrise, macht sich (fast) jeder Gedanken, worin oder woraus eigentlich die wahren Werte im Leben bestehen. Was ist wirklich wichtig, auf was kann der Mensch verzichten?

Jeder besinnt sich plötzlich auf Dinge, die er all die Jahre gar nicht mehr wahrgenommen hat; die selbstverständlich waren, wie z.B. die Liebe des Partners, ein Dach über dem Kopf, ein sicherer Arbeitsplatz, Gesundheit, Freiheit, Lebensmittel, Klopapier …………

Wie alle habe ich aufgrund der Ausgangssperre mehr Zeit. Erinnerungen kommen plötzlich hoch! Darunter auch ein zurückliegendes Gespräch, das ich ca. vor 15 Jahren mit Freunden über die Definition von „Wert“ geführt habe.

Meine Freunde, ein kinderloses Ehepaar, hatten zu damaliger Zeit ein nettes kleines Reihenmittelhaus gemietet. Es war hübsch eingerichtet und dekoriert. Unter den, in den Räumen verteilten, aufgehängten oder aufgestellten persönlichen Gegenständen waren nicht nur wertvolle, sondern auch sehr einfache, aber in meinen Augen sehr originelle Gegenstände dabei, die viel über meine Freunde aussagten. Manches haben sie auf Flohmärkten ergattert, manches von Reisen mitgebracht. Besonders reizend fand ich die Idee meiner Freundin, stabile Einkaufstüten aus der ganzen Welt, welche mit Schnurgriffen ausgestattetet und wunderschönen Motiven versehen waren, über 2 Stockwerke verteilt an das hölzerne, ansonsten etwas schmuckloses Treppengeländer anzubringen. Jede der Tüten war anders, jede erzählte eine Geschichte!

Eines Tages kam ich wieder in ihr Haus und musste feststellen, dass kaum noch persönliche Dekoration verteilt war; kein persönliches Foto, kein „Grusch“ -lediglich Möbel und ein oder zwei moderne Gemälde. In meinen Augen war es leer und ungemütlich. Auf meine Frage, warum sie das gemacht hatten, bekam ich eine wirklich absurde Antwort.

Vor Wochen war die Mutter des Freundes gestorben und zusammen mit seinen Schwestern mussten sie deren Wohnung ausräumen. Die Mutter hatte Zeit ihres Lebens in der Küche eine Schublade, welche immer verschlossen war. Hier durfte niemand reinsehen; hier waren ihre ganz persönlichen „Schätze“ verborgen.

Schon als Kinder wollten sie wissen, was ihre Mutter darin versteckte und daher warteten alle gespannt, was sie dort finden würden: Geld, Liebesbriefe, Fotos, der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt.

Doch welche Enttäuschung! Sie fanden nur Kitsch, Krempel, wertloses Zeug. Kein einziges Teil, das ihren Vorstellungen von „Wert“ entsprach. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, was sie mir aufgezählt hatten; im Gedächtnis blieben mir nur die beiden Teile eines zerbrochenen Buntstiftes. Die Geschwister waren fassungslos! Warum hob ihre Mutter solchen Plunder auf; warum hat sie um diesen Müll so ein Geheimnis gemacht?

Da ihre Erwartungen extrem hoch waren, war es logischerweise ihre Enttäuschung ebenfalls. Irgendwie haben sie sich für die Mutter geschämt und an deren Verstand gezweifelt! Als sie nach der Räumung wieder nach Hause fuhren, haben sie begonnen ihr eigenes Haus „auszumisten“. Dinge, welche ihnen bis zu diesem Zeitpunkt so wertvoll erschienen, dass sie diese täglich sehen wollten, landeten im Müll.

Ihre Begründung war: Sie haben keine Kinder und nach ihrem Tod müsste jemand das Haus räumen, den Sie nicht kannten und der sie nicht kannte. Was würde dieser Mensch von all dem angesammelten „Schrott“ halten? Unvorstellbar und grauenvoll, wenn er sich über sie lustig machen würde!

Meine Freunde und ich waren zu diesem Zeitpunkt Mitte 40, Anfang 50, also in einem Alter, in welchem man ganz sicher noch nicht ans Sterben denkt und die Wahrscheinlichkeit sehr hoch war, dass man noch mindestens 20, 30 oder sogar 40 Jahre Leben vor sich hat. Ich war sprachlos, dass sich jemand den Rest seines Lebens - in meinen Augen aus solch banalen Gründen - derart reduzieren möchte; ein absoluter Verzicht auf ein Leben ohne Individualität. Für mich unvorstellbar!

Auch ich habe viel Dekoration in meinem Haus, von antiken Möbeln und Haushaltsgegenständen bis zu kleinen persönlichen Sammlungen. Einen Teil davon habe ich in Auktionshäusern und Flohmärkten ergattert; ein anderer Teil sind Andenken oder Genschenke von Freunden und Kunden, die meine Leidenschaft für Antikes kannten; ein weiterer, dritter Teil erinnert an besondere Begebenheiten in meinem Leben.

Als ich nach Hause kam, habe ich meinen Sohn, damals noch Teenager, gefragt, was er mit all dem „Kram“ machen würde, der im Haus verteilt war. Seine etwas spöttische Antwort lautete: „Ich lasse einen Container kommen!“ Tja, Geschmäcker sind halt verschieden – auch generationsbedingt!

Mein Hinweis für ihn, dass diverse Objekte bereits einen sehr hohen, materiellen Wert haben könnten, haben ihn aber veranlasst nachzudenken. Prompt folgte daraufhin die Anweisung, dass ich ab sofort hinter oder unter jedes meiner Schätze eine kleine aussagekräftige Etikettierung anbringen sollte.

Ich denke, diese Arbeit soll er sich schon selbst machen!!!!!

 Lilo Bieley, 28.03.2020




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