Ihr Kulmbacher
 

Meine Heidi

Heidi war eine Rauhaardackel-Hündin, reinrassig, bildschön, mit einem bewegenden Dackel-Blick und dumm. Was wir ihr auch beizubringen versuchten, sie verstand einfach nichts. Nach monatelangen Lehrversuchen gaben wir auf. Ihr Lebensinhalt war Fressen, ihre Familie, ich im Besonderen und der Staubsauger. Sie fraß einfach alles was sie kauen konnte und kackte Legosteine, Gummibänder und andere undefinierbare Gegenstände. Sie war immer gut gelaunt und herzbewegend anhänglich Sie fühlte, wenn ich traurig war und legte dann ihren Kopf tröstend auf mein Bein oder, wenn ich lag, auch auf mein Gesicht. In letzterem Fall war ich mit einem schrecklichen Mundgeruch, oder besser Maulgeruch, konfrontiert, ich hielt dann ab und zu die Luft an. Sie war einzigartig in ihrer Einfachheit. Für ihre Familie hätte sie wahrscheinlich ihr Leben gegeben, obwohl sie oft zu faul zum Bellen war, und den Staubsauger liebte sie hingebungsvoll. Wenn ich ihn beim Saubermachen hinter mir herzog folgte sie ihm mit Schwanzwedeln und in einem äußerst graziösen Gang, den sie sonst nie zeigte, und anschließend besprang sie ihn und hoppelte in tierischer Liebe auf ihm herum. Wir alle kannten diese Macke, lachten, und liebten sie dafür umso mehr.

Ich kam von Einkaufen nach Hause als das Telefon klingelte und legte meine Einkäufe vom Metzger auf den Küchenhocker, ging zum Telefon im anderen Zimmer. Als ich zurückkam schnaufte Heidi wie ein sterbender Asthmatiker, ich sah mein Einkaufsnetz auf dem Boden liegen, verstreutes Papier, und Heidi hatte für 27 DM Wurst gefressen. Wenn wir in den Urlaub fuhren, gaben wir Heidi bei guten Freunden, einem älteren kinderlosen Ehepaar ab. Wenn wir sie nach den Ferien abholten sah sie aus wie ein Spanferkel, kleiner Kopf zu einem überdimensional dicken Bauch und kurzen, krummen Dackelbeinen. Weil sie ständig nach Fressbarem bettelte, konnten unsere Freunde  nicht widerstehen. In den folgenden Wochen kam sie keine Treppe hoch, ihr Bauch hinderte sie an jeder Stufe, also trugen wir sie.

Als sie ca. 5 Jahre alt war, hatte sie zahlreiche Scheinschwangerschaften, die ihr und uns zu schaffen machten, hinter sich. Ich konnte das Elend nicht mehr ansehen und ging zum Tierarzt. Er empfahl mir, sie decken zu lassen, dann würde er sie kastrieren. Ich war begeistert, wollte ihr einmal in ihrem Leben tollen Hundesex schenken und das Glück, Babies zu bekommen. Ich brachte Sie zu einem Bekannten, der einen Rauhaardackel-Rüden hatte. Zuschauen konnte ich nicht, ich weiß nicht warum, und er brachte sie mir nach dem Geschehen zurück. Er verkündete stolz, als wäre er der werdende Vater, dass alles wunderbar gelaufen sei. Und tatsächlich, meine Heidi war trächtig.  Komisch war, dass sie mich nach diesem Akt irgendwie vorwurfsvoll ansah, ängstlich war und einige Tage lang ihre Fröhlichkeit verlor. Aber das legte sich und alles ging wieder seinen gewohnten Gang. Natürlich wollte ich ihr eine gesunde Schwangerschaft ermöglichen, angefangen bei der täglichen Nahrung. Ich suchte im Tiermarkt nach geeigneter, schwangerengerechter Beköstigung und gab viel Geld aus. Heidi fraß jedoch neben diesen ausgesuchten Köstlichkeiten wie immer alles, was für sie erreichbar war. Manchmal erbrach sie, oft hatte sie Durchfall. Alles Folgen ihrer Fress-Sucht.

An ihrem Verhalten änderte sich nichts, sie war freundlich, verfressen, überaus liebevoll und man hatte den Eindruck, dass sich in ihrem Leben nichts verändert hatte. Rückblickend denke ich, sie hat ihre Schwangerschaft verdrängt. An einen dicken Bauch war sie ja durch ihre Zeiten bei unseren Freunden gewöhnt und die gesunden, teuren Leckerbissen nahm sie natürlich freudig an. Sie bemerkte nicht, was in ihr geschah. Während sie ihr Hundeleben lebte als wäre nichts geschehen, las ich Bücher über Tiergeburten, insbesondere von Hunden, und war aufgeregt und in freudiger Erwartung.

Der berechnete Tag der Geburt rückte näher. Für Heidi hatte ich inzwischen eine Wurfkiste anfertigen lassen, weich ausgepolstert und bequem. Darin saß sie, als sie anfing zu hecheln. Es war später Abend und ich legte mich im Esszimmer auf das Sofa, denn von dort aus konnte ich sie in ihrer Kiste sehen. Immer wieder warf sie mir diese Blicke zu: Vorwurfsvoll, leidend, anklagend? Es war schwer zu definieren. Sie fing an zu keuchen und legte sich hin. Ich sprang auf und rannte zur Kiste, sie presste gerade ihr erstes Kind heraus. Für mich war es unglaublich, wunderbar und ich war überglücklich. Sie offensichtlich nicht. Sie sah mich an, dann das Baby und machte einfach nichts.

Ich wusste aus meinen Büchern, dass gebärende Tiere die Eihaut, die die Kleinen umschließt, öffnen und diese dann fraßen. Das war wichtig, denn nur so konnte sich die Gebärmutter nach der Geburt zurückbilden. Heidi machte noch immer nichts. Ich befreite das kleine Tier aus der Eihaut und stopfte diese Heidi ins Maul. Sie würgte und schluckte angeekelt und widerwillig. Wir wiederholten das 5 Mal, dann waren alle kleinen Rauhaardackel geboren. Inzwischen war die Nacht vorbei und ich war, wie sie, am Ende meiner Kräfte. Die Kleinen suchten die Zitzen ihrer Mutter, wollten trinken. Heidi legte sich jedoch mit dem Rücken zu ihnen. Ich drehte sie um und fing an zu schimpfen, sie gehorchte und blieb liegen. Ich legte die Babies an und sie fingen an zu saugen. Alles war in Ordnung, wäre da nicht wieder dieser  leidende Blick aus braunen Dackelaugen gewesen. In diesem Moment begriff ich, sie hatte das alles nicht gewollt. Ihre ausgeprägte, liebenswerte Dummheit hat sie nicht begreifen und fühlen lassen, dass es neben einer Familie und einem Staubsauger auch Hundemütter gibt, zu denen sie jetzt gehören sollte.

Jeden Tag legte ich die Babies an, Heidi ergab sich und säugte sie mit widerwilligem Gesichtsausdruck und entsetztem Hecheln. Manchmal trank sie an ihren Zitzen ihre eigene Milch. Unglaublich aber wahr. Als die Milch langsam versiegte und die Kleinen auf ihren wackeligen Dackelbeinen mehr oder weniger laufen konnten, fütterte ich sie mit Milupa-Brei. Sie saßen in einer Runde um ein Schälchen mit Brei und ihre kleinen Zungen holten sich die Nahrung. Und über der Mitte dieser Runde erschien Heidis lange Zunge, die ihren Kindern den Brei wegfraß.

Heidis wunderschöne Welpen fanden alle ein liebevolles Zuhause, sie empfand keine erkennbare Trauer, als ihre Kinder abgeholt wurden. Sie wirkte irgendwie erleichtert, wie von einer Last befreit. Jetzt war sie wieder der Mittelpunkt in ihrem und in unserem Leben. Sie blieb uns noch einige Jahre erhalten.

Neben unserem Haus floss ein Bach. Anwohner hatten Köder mit Rattengift ausgelegt. Heidi konnte auch diesen Bissen nicht widerstehen, sie wurde ein Opfer ihrer Leidenschaft, entwickelte heftige Vergiftungs-Symptome und verstarb in der Tierklinik. Ich war in ihrer letzten Stunde bei ihr und werde sie nie vergessen.

03/2020
Carla Brendel

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