Ihr Kulmbacher
 




VIRENFREI

Fast wäre ich nicht ans Telefon gegangen. Klang doch bereits der Klingelton hysterisch und machte auch nach dem zwölften Klingeln nicht Halt.

„Axel, gut, dass du da bist, bitte hilf mir.“ Michael, halb erstickt und der Verzweiflung nahe. „Mein Schirm öffnet sich einfach nicht mehr.“

„Dann kauf dir halt einen neuen.“

„Nein, nicht der ‚Knirps‘. Nicht der Schirm gegen den Regen. Der rote Schirm, da unten am Computer. Das Virenprogramm spinnt. Startet nicht mehr.“

„Jetzt mal ruhig Blut. Das kommt immer wieder vor, dass sich das aufhängt.“

„Ja, und jetzt? Da bin ich ja völlig ungeschützt!“ Mann, Michi, jetzt springe doch nicht gleich im Karree. „Pass auf. Ist ganz einfach. Deinstallieren und neu installieren.“

„Wie?“

„Du gehst auf die Website von denen. Ziehst dir die neueste Version, und die Sache hat sich.“

„Und wenn ich da was verkehrt mach?“

Irgendwann gab ich es auf. Ferndiagnose übers Telefon – das ging, aber nicht bei Michael. Bei Michi ging das einfach nicht ohne Händchenhalten.

So fügte ich mich in das Unvermeidliche, kroch in den Pullover und machte mich zu Fuß auf den Weg, hinüber zur anderen Seite des Blocks, wo Michael an der Pforte schon sehnlich auf mich wartete.

„Danke dir fürs Kommen. Weißt du, mir ist das alles nicht so geheuer. Wer begreift denn schon, was in so einem Computer alles …“

„Lass gut sein, Michi.“ Meine Miene muss Bände gesprochen haben, denn Michael schluckte, geleitete mich schweigend ins Haus und deutete in seinem Arbeitszimmer mit dem Kopf zum Computer.

Nach kurzer Zeit war der Schirm wieder offen. Doch war dies erst der Anfang. Hatten sich doch an Michaels Rechner noch achtundzwanzig andere Schrecknisse eingestellt.

Selbige Michael jedes Mal mit „Woher kommt das bloß?“ oder „Ich versteh das nicht“ zu erklären begann.

 

Ich hockte geschlagene drei Stunden vor Michaels virenfreiem und kerngesundem Computer. Bis dann der Abend graute und es draußen regnete. Was Michael, als er sich wortschwanger von mir verabschiedete, abermals nicht ruhen ließ: „Warte, ich leihe dir meinen Schirm.“

Sein Schirm ging nicht auf. Vergebens zog und zerrte er an dem verzogenen Gestänge. Sodass er mich mit seinem Polo nach Hause fuhr.

Die Fahrt dauerte zwei, die nochmalige Verabschiedung fünf Minuten. Michael stellte den Motor ab und sang mir aufs Neue das Lied vom guten Freund.

Irgendwann zog ich energisch die Reißleine, ich stieg aus und beschied: „Michi, im Leben läuft nicht immer alles glatt, bei mir auch nicht. Aber ich komm damit zurecht, und du auch, da bin ich mir sicher. Man muss es freilich wollen und vor allem, man muss daran glauben.“

Michael schluckte zwar, dann aber nickte er. Ich nickte ihm zu und fasste in meinem Vorgarten nach den Schlüsseln. Darauf das nächste Verhängnis. Michaels Wagen versagte; er sprang nicht mehr an.

Ich widerstand der Versuchung, mich nochmals nach Michael umzudrehen, schloss auf und ging ins Haus. Als ich nach etwa einer halben Stunde nach draußen spitzte, war Michaels Polo verschwunden.

Am nächsten Morgen rief Michael an und erzählte mir stolz, er habe ein Starterkabel dabeigehabt und sich getraut, damit bei meinem Nachbarn zu klingeln.

Martin Meyer


Vom kleinen Vogel

Futter!

Gierig reckte er den viel zu kurzen Hals. Denn da er von allen der Kleinste war, kostete das Kraft, kostete Körner. Die, gab er nicht acht, eher seine vielen Geschwister abbekamen, die mit den längeren Hälsen. Denn riesigen Hunger hatten sie alle, so sehr sich Mama und Papa auch plagten, reichte es gerade für den größten Appetit, und vor allem der Papa nahm kein Blatt vor den Schnabel, dass es ihn langsam verdrieße. Als wollte er sagen: Macht euch gefälligst auf und kümmert euch selber um euer Futter.

Dieses Mal hatte er etwas mehr abbekommen, schien es ihm – und als er nach dem letzten Bissen aufblickte, wusste er auch warum. Sie waren nur mehr zu fünft, der Stärkste nicht mehr zu sehen. Was auch Mama und Papa aufgefallen sein musste, denn sie waren beide in sichtlicher Aufregung. Anstatt sich um neues Futter auf den Weg zu machen, saßen sie am Rande des Nestes und schauten besorgt in die Luft. Er tat es ihnen gleich – und dann sah er ihn. Der größte und stärkste seiner Brüder hatte es gewagt; er hatte sich mit seinen kräftigen Beinen vom Nest abgestoßen und seine Flügel ausgebreitet, und freute sich erkennbar seines Fluges.

Der Kleinste jedoch zog den Kopf ein. Zu klein, zu schwach war er, um es ihm gleichzutun.

Aber nun merkte er auf. Papa und Mama schienen sich wieder beruhigt zu haben; noch bevor sein großer Bruder von seinem ersten Flug zurückkehrte, breiteten sie wieder ihre Flügel aus und flogen wieder aus nach Futter.

So begann denn alles von vorn, und es blieb wie immer. Nein, nicht ganz. Von Mal zu Mal wagten sich weitere Brüder und Schwestern hinaus zum ersten Flug. Ohne dass die Eltern nun noch Notiz davon nahmen, sie flogen weiter um Futter, und je mehr seiner fünf Geschwister zu ihrem ersten eigenen Flug aufgebrochen waren, desto mehr bekam er, der Kleinste und Schwächste, ab von dem Futter. Sodass er endlich so groß und stark war wie die anderen auch. Nur eines missfiel ihm: Mama und Papa flogen immer seltener aus; ihre Larven und Würmer wurden immer kleiner. Als wollten sie ihm sagen: Jetzt mach auch dich auf den Flug!

Und in der Tat, warum denn eigentlich nicht?

So hüpfte er nun an den Rand des Nestes. Stieß sich davon ab und breitete die Flügel aus.

Die warme Mittagsluft trug, und es war ihm, als flögen seine Eltern und Geschwister noch weiter oben beschützend um ihn herum.

Martin Meyer



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