Ihr Kulmbacher
 


Der gemeinsame Einkauf

Es ist bekannt, dass der Mensch nicht gern allein bleibt. Drum sucht er sich einen Partner für Leben.

Gut trifft es sich, wenn sich beide ergänzen und in vielen Bereichen harmonieren und übereinstimmen. Gemeinsame Hobbys, Kinder, ein Haus, Garten und vielleicht noch gemeinsame schöne Urlaubsreisen.

Geprägt durch  gegenseitiges Verständnis und Einfühlungsvermögen für den anderen, sollten  berufliche oder private Problemen bereinigt werden können. Dies sind wichtige Grundlagen für eine ausgewogene und glückliche Beziehung

 Es gibt jedoch Bereiche, die durch die gesamte Geschichte der Menschheit  immer wieder zu größeren Auseinandersetzungen und Problemen führen und führen werden: 

Und das ist der gemeinsame Einkauf. 

Zieht es den Mann bevorzugt hinaus in die Natur, bestenfalls noch mal in einen Baumarkt, ist es für die Frau das höchste der Gefühle durch die überfüllten Einkaufscenter und Passagen zu ziehen, um  ein paar neue Schuhe, neue Klamotten, oder irgendwelche  Accessoires zu erstehen. Es muss nicht einmal eine Notwendig für eine Neuanschaffung bestehen, nein, es reicht schon aus, dass die beste Freundin oder die Arbeitskollegin ein neues Teil erstanden hat.

 Nur sehr widerwillig stelle ich mich dieser Herausforderung, weil ich nur zu genau weiß, dass derartige Einkaufstouren durch evolutionsbedingt sehr unterschiedlich angelegte Denkstrukturen zwangsläufig in Kauforgien mit kriegerischen Konflikten enden  und schließlich und endlich meist zu einem versauten Wochenende führen.

Ich unterliege aufgrund meiner zu gutmütigen Grundeinstellung immer wieder dem Flehen meiner Ehefrau, sie doch beim Einkaufsbummel zu begleiten.

Erst neulich wurde bei bestem Wetter und ebensolcher Laune eine Fahrt nach Hof unternommen.

Die Zielsetzung meiner Ehefrau lautete: Eine neue Hose müsse her, weil der Zeitgeist, wer immer das auch sein mag, eine neue modische Linie empfiehlt und so alle anderen, durchaus noch ansehnlichen und tragbaren  Modelle zwangsläufig der Altkleidersammlung anheim fallen müssten.

Für einen Mann wäre ein derartige Neuanschaffung  kein Problem: Hinein in ein beliebiges Geschäft; in ein Paar Hosen hineingeschlüpft, den Preis an der Kasse bezahlt und so schnell wie möglich wieder raus aus dem Laden und schon wäre der Einkauf erledigt Anschließend könnte man sich in einem nahe liegenden Gasthaus den leiblichen Genüssen hingeben und einen entspannten Tag verbringen.

Aber meine Frau? Sie durchkämmt jedes Modefachgeschäft, jeden Jeansladen und sämtliche Warenhäuser. Man mag nicht glauben, welche Strecken dabei zurückgelegt werden und wie viele Schaufenster selbst in so einer kleinen Stadt wie Hof ihre Modelle in der Auslage zum Kauf anbieten.

Es ist kaum vorstellbar, dass meine Frau mit mir einen Wanderweg ähnlicher Länge zurücklegen würde, ohne ständig zu meckern und zu nörgeln, wie lange es dauere und ob es nicht irgendeine Abkürzung gäbe. Doch beim Bummeln durch die Fußgängerzone verliert sie das Gefühl für Raum und Zeit und sie entrückt in eine Art Trancezustand, aus dem sie erst wieder erwacht, wenn entweder die Läden schließen, oder der Geldbeutel vor Leere gähnt.

Es macht ihr auch nichts aus, wenn wir die gleiche Strecke noch einmal zurücklaufen, nur weil sie in jedem zweiten Geschäft ein Bekleidungsteil zurücklegen ließ, in der Hoffnung auf ein besseres Schnäppchen oder Angebot.

Den meisten Bammel habe ich aber vor dem Betreten der Geschäfte und so versuche ich gelegentlich, aber meist erfolglos,  Interesse an einer Schaufensterdekoration vorzutäuschen, wenn sie bereits den Griff einer Ladentür in Händen hat und schraubstockähnlich umschließt. Dann gibt es kein Halten mehr. Einem Adler gleich, der seine Beute erspäht hat, stürzt sie auf die Kleiderständer und Regale, zieht als ob sie mehr Arme als ein Tintenfisch Tentakel hätte, mehrere Modelle gleichzeitig aus den Auslagen und verschwindet unbeirrbar in der nächstgelegenen Umkleidekabine.

Meist ertönen dann Stöhn- und Presslaute, weil die ausgewählte Hosengröße der Wunschfigur, aber diametral zu den  aktuellen Gegebenheiten steht.

Doch nach einigen gepressten, komplizierten Atemübungen, die verschiedenen Schwangerschafts -,Yoga - und Q-Gongkursen bis zur Perfektion eingeübt wurden, kommt meine werte Frau Gemahlin in jede Hose hinein und schließlich auch aus jeder Umkleidekabine wieder heraus.

Doch jetzt beginnt für mich der heikelste Moment des Einkaufs. Mein fachmännisches Gesamt-Urteil wird verlangt! Das birgt rhetorische Gefahren in sich, die nur mit der Umschiffung des Titanic-Eisberges vergleichbar sind.

Ein falsches Wort, ach was, eine falsche Geste oder nur ein unbedachter Wimpernschlag und das Wochenende ist gelaufen.

Ich konzentriere mich aufs höchste und versuche stets Bestnoten zu verteilen, nur um die Situation zu entschärfen. Besonders aufzupassen gilt es, wenn die Fangfrage meiner Frau lautet: „ Findest du nicht, dass mich die Hose zu dick macht?“

Ehrlichkeit ist da nicht gefragt, ist eindeutig fehl am Platze.

Hier erfordert es die hohe Kunst der Diplomatie!

Aus Erfahrung klug geworden, läuten bei mir nach dieser Aussage sämtliche Alarmglocken, und ich entgegne meinen auswendig gelernten Standardsatz: “Nein keinesfalls, diese Hose passt nur Dir und steht Dir ausgezeichnet. Sie ist wie für Dich gemacht!“ Danach noch ein überzeugtes Nicken, das den Kauf absegnet und jetzt keinesfalls ein falsches Grinsen, oder gar nach dem Preis fragen, sondern mit bühnenreifer Eleganz ein Griff zum Geldbeutel, um Demut und Zahlungswillen zu demonstrieren.

Sonst würde man sofort in offene Messer laufen und sich folgender Gegenfrage aussetzen: “Das ist dir wohl zu teuer, das bin ich Dir wohl nicht wert. Du willst wohl nicht, dass Deine Frau gut aussieht!“

Diesem Bombardement der weiblichen Argumente hält kein mitteleuropäischer oder gar oberfränkischer  Mann stand!

Nach derartigen materiellen Raubzügen durch die textile Einhandelszone unserer heimischen Region begebe ich mich  trotz allem mit stolz geschwellter Brust auf den Heimweg: Ich habe allen Verbalattacken Stand gehalten, ich habe alle Einkaufstüten gleichzeitig mehrfach durch die Altstadt getragen, ohne zu stolpern oder gar zu stürzen, obwohl mein Sichtfeld durch die Kartons und Tüten eingeschränkt war und ich bin mir sicher, dass jetzt mindestens 4 Wochen keine weiteren Einkäufe anstehen. Ich bin einfach nur glücklich und zufrieden! 

Reinhard Witzgall




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